Glocken

 

Geschichte der Glocken im Freiburger Münster

Die Anfänge der Glockengeschichte des Münsters liegen im Dunkeln. Dank glücklicher historischer Umstände ist jedoch die Entwicklung des Geläutes in den letzten 750 Jahren fast lückenlos zu verfolgen.

Petrus-Glocke (b°), darunter Hosanna-Glocke (es')
Die Geschichte des Münstergeläutes hat sich durch sechs Jahrhunderte in großer Kontinuität vollzogen, ist jedoch in jüngerer Zeit durch zwei große Umbrüche geprägt: in den Jahren 1841/43 und 1959 wurden fast alle bis dahin jeweils erhaltenen Glocken durch Neuguß ersetzt. Den Anlaß zu der ersten Umwälzung gab die Erhebung des Münsters zur Metropolitankirche im Zuge der Errichtung der neuen Erzdiözese Freiburg. Die zweitgrößte Glocke des aus dem 13. bis 18. Jahrhundert stammenden Geläutes war in dieser Zeit zersprungen und mußte umgegossen werden. Das Metropolitankapitel entschied sich damals dafür, sieben Glocken einschmelzen und acht neue gießen zu lassen, denen ein Jahr später durch Stiftungen von Geistlichen zwei weitere Glocken hinzugefügt werden konnten. Den Auftrag führte die Firma Carl Rosenlächer in Konstanz aus. Sie lieferte ein Geläute mit den Tönen b° d' f' fis' a' b' cis" d" f" b", von dem nach dem Geschmack dieser Zeit stets nur harmonische Teilmotive erklangen. Vom vorherigen Bestand blieben die Festtagsglocke Hosanna von 1258, das Silberglöckchen aus dem 13. Jahrhundert und das Vesperglöckchen von 1606 erhalten.
 
Das Rosenlächergeläute überdauerte nur kurze Zeit. Bereits 1866 zersprang die kleinste Glocke und wurde durch den Freiburger Glockengießer Johann Baptist Koch umgegossen. Der Erste Weltkrieg forderte fünf Glocken des Münsters, darunter die vier kleinsten Glocken des Hauptgeläutes. Sie wurden 1927 durch neue Glocken der Fa. Grüninger in Villingen ersetzt, die jedoch bereits 1942 zusammen mit den beiden nächstgrößeren Glocken Rosenlächers (a' und b') und dem mittelalterlichen Silberglöckchen abgeliefert werden mußten. Das Silberglöckchen kehrte zwar 1947 aus dem Glockenlager in Hamburg zurück, zersprang jedoch 1948 und wurde erst nach seiner Reparatur im Jahr 2008 wieder läutbar im Glockenstuhl aufgehängt. Auch die b'-Glocke konnte zurückgeführt und wieder im Münster aufgehängt werden. Im Jahre 1950 stiftete ein Schweizer eine g'-Glocke, so daß das Geläute aus der Hosanna mit dem Ton es', den Rosenlächerglocken b° d' f' fis' b' und der modernen Glocke g' bestand. Das Festgeläute bildeten damals die Glocken b° d' f' g' b'.
 
Im Jahre 1959 schlossen sich Erzbischof Schäufele und das Metropolitankapitel dem Rat der Glockensachverständigen Rolli und Prof. Stemmer an, den Torso nicht zu ergänzen, sondern bis auf die Hosanna, das Vesperglöckchen und das Silberglöckchen vollständig zu ersetzen. So entstand am 29. September 1959 in drei Güssen bei Meister Friedrich Wilhelm Schilling in Heidelberg ein fünfzehnstimmiges Geläut, das am 18. Oktober von Erzbischof Dr. Schäufele geweiht wurde. Es bildet eine Mollgruppe, die sich durch zweieinhalb Oktaven erstreckt. Auch die kleineren Glocken können sich klanglich gut durchsetzen, da sie im Vergleich zur Grundglocke schwerer gegossen wurden. Das Münstergeläute war eines der ersten in Deutschland, bei denen diese Rippenprogression angewandt wurde.
 
Hosanna-Glocke (gegossen 1258)
Aus dem Mittelalter ist uns in der Hosanna ein bedeutendes Erbe überkommen. Sie entstand wenige Jahre nach dem Tode des letzten staufischen Königs und ist eine der größten erhaltenen Glocken ihrer Zeit. Derzeit ist weder in Baden noch in den benachbarten Regionen eine weitere Glocke aus derselben Werkstatt bekannt. Die Hosanna war fast 600 Jahre lang die größte und damit die Festglocke des Münsters. Sie wurde auch aufgrund besonderer Stiftungen zu festgelegten Zeiten geläutet; so erinnert sie heute noch am Donnerstag nach dem Abendangelus an die Angst Christi am Ölberg und am Freitag um 11.00 Uhr an die Kreuzigung. Am Samstagabend ruft sie zum Gebet für die Verstorbenen der Woche. Auch im Rechtsleben der Stadt Freiburg hatte die Hosanna bei der Einberufung der Gerichtsversammlung sowie als Brand- und Sturmglocke eine hohe Bedeutung. Die im 19. Jahrhundert aufgekommene Vermutung, die Hosanna sei aufgrund ihrer Inschrift als "älteste Angelusglocke Deutschlands" anzusehen, läßt sich nicht mehr halten.
 
Während die Hosanna gegenüber dem Rosenlächergeläute um einen Viertelton tiefer stand und spätestens seit 1842 nur noch solistisch erklingen konnte, steht das moderne Geläute in der Stimmungslinie so, daß sich die Hosanna nahtlos einfügt. Sie kann daher mit ihrer unverwechselbaren, schwermütigen Stimme manches Teilmotiv bereichern.
 
Christus-Glocke (g°) mit Zimbel-Glocken darüber
2008 erfolgte unter der Leitung des Erzbischöflichen Glockeninspektors Kurt Kramer eine Umhängung einiger Glocken, wofür der oberste Teil des Glockenstuhls neu aufgebaut wurde. Es war das Ziel, die der Hosanna gegenüber hängende Petrusglocke an eine andere Stelle im Glockenstuhl zu hängen, damit eine mögliche Kollision dieser beiden Glocken verhindert werden kann. Einige Glocken bekamen damals neue Klöppel. Im Zusammenhang dieser Maßnahmen wurden das Silberglöckchen und das Vesperglöcken von Bintzlin restauriert, wieder im Münsterturm aufgehängt und läutbar gemacht. Nachdem schwingungstechische Probleme aufgetreten waren und das Geläute durch die Maßnahmen musikalisch uneinheitlich geworden war, stattete man im Rahmen der im Jahr 2018 abgeschlossenen Sanierung des Turmhelms, des Glockenstuhls und der Türmerstube alle Glocken mit einem neuen, nach den Kriterien von ProBell® gefertigten Klöppelsatz aus. Das Geläute erklingt nunmehr wieder sehr gut ausbalanciert und klar durchgezeichnet. Ein besonderes Augenmerk wurde auf die bestmögliche Schonung der historischen Glocken und der sorgfältigen Abstimung der dynamischen Wechselwirkungen zwischen Glockenläuten und dem Turmbauwerk gelegt.
 
 

Technische und musikalische Daten

Moderne Glocken

Nr. Schlagton Name
Gewicht
(kg)
Durchmesser
(mm)
Gußjahr
1 Christus 6.856 2.133 alle 1959
2 Petrus 3.917 1.774
3 c' Paulus 2.644 1.566
4 d' Maria 2.290 1.490
5 f' Josef 1.354 1.242
6 g' Nikolaus von Flüe 958 1.095
7 a' Johannes 913 1.081
8 b' Jakobus 803 1.022
9 c'' Konrad 560 903
10 d'' Bernhard von Baden 381 798
11 f'' Lambert und Alexander 212 670
12 g'' Michael 149 594
13 a'' Schutzengel 150 575
14 c''' Odilia 112 505
15 d''' Magnificat 79 456
 
Gießer: Friedrich Wilhelm Schilling, Heidelberg
           

Historische Glocken

Nr. Schlagton Name
Gewicht
(kg)
Durchmesser
(mm)
Gußjahr
I es' Hosanna 3.290 1.607/1.614 1258
II h '' Vesperglöckchen 81 510 1606
III f ''' Silberglöckchen 32 352 13. Jh.
           
IV a'' Taufglocke
(Südquerhaus)
~ 95 ~ 550 13./14. Jh.
                   
Gesamtgewicht der 18 Glocken auf dem Turm: 24.781 kg.
  

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Hörbeispiele

Glocke 1 (Christus | g°)
 
Glocke 2 (Petrus | b°)
 
Glocke 3 (Paulus | c')
 
Glocke 4 (Maria | d')
 
Glocke 5 (Josef | f')
 
Glocke 6 (Nikolaus von Flüe | g')
 
Glocke 7 (Johannes | a')
 
Glocke 8 (Jakobus | b')
 
Glocke 9 (Konrad | c'')
 
Glocke 10 (Bernhard von Baden | d'')
 
Glocke 11 (Lambert u. Alexander | f'')
 
Glocke 12 (Michael | g'')
 
Glocke 13 (Schutzengel | a'')
 
Glocke 14 (Odilia | c''')
 
Glocke 15 (Magnificat | d''')
 
 
Glocke I (Hosanna | es')
 
Glocke II (Südquerhaus | a'')
 
Glocke III (Vesperglöckchen | h'')
 
Glocke IV (Silberglöckchen | f''')
 
 
Plenum der modernen Glocken (F. W. Schilling)
 
Zimbelgeläute 10-15
 
Videoaufnahme der 15 modernen Glocken (F.W. Schilling) des Freiburger Münsters
 
Video der Hosanna-Glocke (1258)